Simon Ferger – wer waren die Eltern?

Die erfolgreiche Suche nach den Vorfahren meines Urgroßvaters

Mein Urgroßvater väterlicherseits, Simon Ferger, wurde 1863 in Erdevik geboren. Heute zu Serbien gehörend, war der Ort zur Zeit der Monarchie dem ungarischen Herrschaftsbereich zugeordnet. Nach der Flucht der Donauschwaben im Herbst 1944 verlor sich die Spur der Kirchenbücher, und daran hat sich auch bis heute nicht wirklich etwas geändert.

Mein Großvater starb kurz vor meiner Geburt, und meine Großmutter konnte mir über die Eltern ihres Schwiegervaters auch nichts Näheres erzählen. Ohne den Zugriff auf die Kirchenbücher schien die Suche am Ende angelangt zu sein, bevor sie noch beginnen konnte.

Bis ich eines Tages mit meiner Mutter alte Dokumente ihres Familienzweigs durchsah und dabei einen genaueren Blick auf die Sterbeurkunde meiner Urgroßmutter warf. So wie Simon Ferger war auch sie nach dem 2. Weltkrieg in Österreich gestorben – und in ihrer Sterbeurkunde waren die Namen ihrer Eltern vermerkt. Wenn das in ihrem Fall eingetragen war, warum sollte es bei Simon Ferger anders sein?

Nun ging es Schlag auf Schlag. Ein Anruf beim Standesamt jener kleinen Gemeinde in Oberösterreich, in der mein Urgroßvater vier Jahre nach der Flucht verstorben war. Die Frage, ob man mir Auskunft geben könnte über die Eltern des Verstorbenen. Ein Satz, den ich nie vergessen werde: „Bleiben Sie kurz dran, ich schau‘ nach“. Und nach wenigen Minuten zwei Namen: Simon Ferger und Eva, geborene Fischer. „Möchten Sie auch den Beruf des Vaters wissen? Er war Stricker“.

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Simon FERGER, * 1838 in Bukin, Batschka
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Eva FISCHER, * 1839 in Palanka, Batschka

Ein unbeschreibliches Gefühl.

Mit den Namen meiner bis dahin völlig unbekannten Ur-Urgroßeltern war es leicht, den weiteren Weg der Linie zu erforschen. Mehrere hervorragende donauschwäbische Familienforscher waren mir bereits behilflich gewesen, aus den vorhandenen Familienbüchern der Siedlungsgebiete in der Batschka alle Einträge zum Namen Ferger zu sammeln. Und so fand ich in Palanka die Trauung und die Taufe von Eva Fischer, in Bukin die Taufe von Simon Ferger senior.

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Trauungseintrag für Simon Ferger und Eva Fischer, Palanka 1861

Aus dem Familienbuch für Bukin erfuhr ich, dass die ersten Ansiedler Christoph Ferger und sein Sohn Nikolaus waren, die 1765 aus dem saarländischen Besseringen nach Bukin ausgewandert waren.

Als ich die Daten aus Bukin fertig in meine Datenbank eingetragen hatte, war es knapp vor Mitternacht – jene Uhrzeit, zu der meine Gedanken am freiesten sind. Also googelte ich Besseringen im Saarland und fand auch eine Website zu dem malerischen kleinen Ort, eine Kontaktmöglichkeit zum Webmaster war angegeben…

In meiner Mail erklärte ich, dass ich eben herausgefunden hatte, von der Familie Ferger aus Besseringen abzustammen. Und fragte einfach an, ob es für Besseringen vielleicht noch weitere Forschungsmöglichkeiten gäbe. Dann ging ich schlafen.

Am nächsten Morgen war die Antwort in meinem Postfach: Der Stammbaum des Auswanderers Christoph Ferger, bis hinauf ins Jahr 1628! Wie es der Zufall so wollte, war der Webmaster selbst auch Ahnenforscher – über seine Frau gab es sogar eine Verbindung zu meinem neu gefundenen Stammvater Paulus Ferger. Ich erhielt auch die Information zu einem Familienbuch für Mettlach/Besseringen, das ich umgehend bestellte, um alle darin enthaltenen Nachkommen von Paulus Ferger in meine Datenbank aufzunehmen.

Quellen:

  • Sterbeurkunde meines Urgroßvaters
  • Anton Reimann: Ortssippenbuch Palanka in der Batschka, Frankfurt am Main, 1981
  • Jakob Schuy: Ortssippenbuch Bukin in der Batschka 1749-1945, Band I und II, Lappersdorf, 1999
  • Reinhold Junges: Familienbuch Mettlach und Umgebung, Mettlach, 1992
  • Internetportal von Besseringen/Saar. http://www.besseringen-online.de/, abgerufen am 27. Juli 2017
  • Online-Archiv des Erzbischöflichen Archivs von Kalocsa-Kecskemét. http://archivum.asztrik.hu/?q=de/

Josef Ferger, der donauschwäbische Wilhelm Tell

Ein Ferger, der sich gegen Unrecht wehrt. Und mit seinem Leben dafür bezahlt. So geschehen 1812 in Tscheb in der Batschka.

Überarbeitet am 21. Februar 2018

Am 15. Februar 2018 fand im Donauschwäbischen Zentralmuseum in Ulm ein Vortrag von Dr. Karl-Peter Krauss, Leiter des Forschungsbereichs Demographie/Sozialgeographie am Institut für Donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, mit dem Titel „Mord an der Donau“ statt. In diesem Vortrag präsentierte Dr. Krauss den wissenschaftlichen Hintergrund zum Mord an Leopold von Márffy, einem Gutsherrn aus Tscheb, für den Josef Ferger hingerichtet wurde.

Aufgrund der Informationen, die ich in diesem Vortrag gehört habe, habe ich im folgenden Blogartikel inhaltliche Korrekturen und Ergänzungen vorgenommen.

Gleich vorweg – Josef Ferger ist kein direkter Vorfahre von mir. Er ist der jüngere Bruder meines 4-fachen Urgroßvaters Nikolaus Ferger. Was mich an seiner Geschichte neben dem eigentlichen Inhalt immer fasziniert hat, ist, wie ich von ihr erfahren habe.

Denn meine Großmutter hat mir schon als kleines Mädchen von „unserem berühmten Verwandten“ erzählt, den sie als Freiheitskämpfer bezeichnet hat. Sie hatte ein kleines Büchlein über ihn, das sie mir stolz zum Lesen gab.

Die Familie von Josef Ferger

Doch nun zu seiner Geschichte.

Josef Ferger wurde am 3. August 1782 in Bukin in der Batschka als 9. von 11 Kindern geboren. Seine Eltern waren meine 5-fachen Urgroßeltern Nikolaus Ferger und Maria Leynen. Im Jahr 1803 heiratete Josef Ferger Anna Wunderlich, gemeinsam hatten sie vier Kinder.

Die Familie lebte in Tscheb, einem Ort in der Batschka, der rund 30 Kilometer von Bukin entfernt ist. Heute gehören beide Orte zur serbischen Region Vojvodina; Bukin heißt heute Mladenovo, und Tscheb Čelarevo.

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© mapire.eu

Leopold von Márffy, der Grundherr von Tscheb

Im Jahr 1791 erkaufte der ungarische Adelige Leopold von Márffy die Grundherrschaft von Tscheb, das zu diesem Zeitpunkt von Serben bewohnt war. Er hatte sich mit dem Kauf des Dorfes übernommen und versuchte in der Folge, die Bevölkerung durch Einschüchterung und Gewalt finanziell auszupressen. Auch für die damaligen Verhältnisse galt er als brutaler und ungerechter Grundherr.

Die Situation zwischen dem Grundherren und seinen Leibeigenen eskalierte so weit, dass die Bewohner von Tscheb im Jahr 1800 freiwillig und mit königlicher Erlaubnis wegzogen.

Die Königliche Statthalterei in Ofen wies die Komitatsbehörde in Batsch daraufhin an, die Vorkommnisse zu prüfen, und drängte Márffy, neue Bewohner anzusiedeln. Bevor es 1802 soweit war, ließ Márffy das Land neu aufteilen: Die fruchtbaren Gebiete, die zuvor von den Bauern bewirtschaftet worden waren, gehörten nun ihm, außerdem hatte er seinen Landbesitz zuungunsten der Bauern vervielfacht. Als nun 143 deutsche und zehn serbische Familien in den an einer neuen Stelle angelegten Ort Neu-Tscheb zogen, war der Rechtsbruch bereits vollzogen.

Neue Siedler, gleiches Schicksal

Auch die neuen Ansiedler litten unter Márffys Tyrannei. Schon im Jahr 1802 stürmten sie sein Gut in Tscheb, woraufhin Márffy sich ins nahe Palanka flüchtete. In den zehn darauf folgenden Jahren versuchte der Ort mit Unterstützung des Pfarradministrators vergeblich, auf dem Rechtsweg zu Gerechtigkeit zu gelangen.

Der Grundherr war jedoch auch der Komitatsnotar und als solcher für das Archiv zuständig. Die Bevölkerung hatte keine Chance. So ging im Jahr 1808 ein jahrelanger Urbarialprozess zu Ende – zugunsten von Leopold von Márffy. Aus den erhalten gebliebenen Akten gehen einige seiner Gräueltaten hervor. Manipulierte Abgaben, überzogene Fronarbeit, die nicht vermerkt wurde, massivste körperliche Gewalt, Vergewaltigungen.

Schlussendlich mussten die Bewohner von Tscheb erkennen, dass sie dieser Vorgehensweise über den Rechtsweg nicht Einhalt gebieten konnten.

Verschwörung gegen den Grundherren

15 Männer aus Tscheb schlossen sich daraufhin zusammen, um das Recht selbst in die Hand zu nehmen. Ihr Anführer war Josef Ferger. Am 20. September 1812, Márffy kam gerade von einer Reise nach Budapest zurück auf sein Gut, lauerten sie ihm auf und erschossen ihn.

Am 6. Oktober 1802 berichtete dazu die Preßburger Zeitung:
„Maria-Theresiopel den 21. Sept.
Gestern ereignete sich bei Cséb in unsrem Komitate ein trauriger Fall, der aus mehreren Rücksichten Aufmerksamkeit erregen muß. Herr v. Márfi, ehemaliger Ober-Notar des Batscher Komitats, und Grundbesitzer des Gutes Cséb, wurde, als er eben von Pest auf dieses Gut reiste, an der Gränze desselben von einigen auf den Kukuruzfeldern auflauernden Bauern erschossen.“

Zuerst gelang es, die Namen der Verschwörer geheim zu halten. Die Legende berichtet, dass sich eines Tages einer der Verschwörer abends in der Csárda und bei reichlich Wein verriet. Tatsächlich jedoch zeigte die Forschung von Dr. Krauss, dass die Attentäter im Jahr 1814 in Folge von Befragungen der Tscheber Bevölkerung ausgeforscht wurden.

Ursprünglich lautete die Strafe für alle Verschwörer auf Tod durch Rädern. Kaiser Franz I. forderte jedoch, dass diese rechtlich nicht gedeckten Strafen umgewandelt wurden. Als Anführer wurde Josef Ferger geköpft, angeblich an jener Stelle, an der Márffy erschossen worden war. Die weiteren Attentäter wurden zu Kerkerstrafen verurteilt.

Die Legende vom „donauschwäbischen Wilhelm Tell“ war geboren.

Diese Geschichte scheint sich tief in das donauschwäbische Bewusstsein gegraben zu haben. Meine Großmutter erzählte mir, dass es daraus folgend den Spruch gegeben habe, „wie a wilder Tscheberer.“

Übrigens – auf ANNO, dem virtuellen Zeitungslesesaal der Österreichischen Nationalbibliothek, findet sich ein Artikel über die Verleihung des Kameralgutes Tscheb an Leopold Márffy aus dem Jahre 1797.

Quellen: